Langjähriger Übersetzer und Werbetexter für Englisch Ian Winick erklärt, wie man die Risiken von AI-Übersetzungen minimiert.
Ian, du bist seit 24 Jahren professioneller Übersetzer. Wie setzt du KI bei deiner Arbeit ein?
Ehrlich gesagt gar nicht – es sei denn, der Kunde bittet ausdrücklich darum. Wenn man mit KI-Output schneller zu einer richtig tollen Übersetzung käme, würden das sicher viele Übersetzer in ihren Prozess einbauen. Aber ich setze KI nicht bei meiner Arbeit ein und kenne auch keine Kollegen, die es tun.
Warum nicht?
Mal abgesehen von den massiven Umweltproblemen, die jeder kennt und trotzdem gerne unter den Teppich kehrt, gibt es viele Bedenken beim Thema Vertraulichkeit. Wenn mir Kunden ihre internen Dokumente anvertrauen, halte ich sie auf jeden Fall von Maschinen fern, die speziell dafür entwickelt wurden, alle Daten aufzusaugen, die sie nur kriegen können. Vor allem, wenn meine Kunden mich dafür bezahlen, diese Dokumente zu übersetzen. Nicht jeder ist auf den KI-Zug aufgesprungen und nicht alle Kunden finden solche angeblichen Sparmaßnahmen sinnvoll.
Aber würde das den Übersetzungsprozess nicht beschleunigen?
Vielleicht, wenn man noch nicht so lange dabei ist. Aber jeder Kollege, der schon mal beim Outsourcing mächtig ins Klo gegriffen hat, wird bestätigen, dass es fast immer einfacher ist, von null neu zu übersetzen, als einen „Scheißhaufen zu polieren“, wie man mit to polish a turd so schön auf Englisch sagt.
Könnte man nicht wenigstens sagen, dass KI den Grundstein legt?
Vielleicht, wenn man Bedienungsanleitungen für Toaster übersetzt, aber bei den komplexeren Übersetzungsaufgaben, die üblicherweise bei mir landen, kannst du das vergessen. Wenn man so lange dabei ist wie ich, braucht man weniger Zeit für eine elegante, natürlich klingende Übersetzung, als man bräuchte, um irgendwas halbwegs Brauchbares aus einer Maschinenübersetzung zu basteln.
Weil die Qualität von maschineller Übersetzung so durchwachsen ist?
Ja, absolut. Völlig hit and miss, wie wir auf Englisch sagen – und dabei sind die misses häufig und die hits bestenfalls okay. Stell dir vor, du würdest ein paar hundert Übersetzer mit jeweils einem Satz beauftragen. Und das sind dann alles Menschen mit ganz unterschiedlichen Fähigkeiten, unterschiedlicher Erfahrung und einer unterschiedlichen Neigung zu Halluzinationen – mit null Kontakt zueinander. So funktioniert maschinelle Übersetzung im Grunde. Und wenn es um Übersetzung geht, ist KI nichts anderes als maschinelle Übersetzung mit schickem Hütchen.
Hast du dich selbst mit KI beschäftigt?
Ja, ich habe gerade einen ausgezeichneten zehnwöchigen Kurs zum Thema KI in der Übersetzung beim Institute of Translation and Interpreting (ITI) abgeschlossen, der die Möglichkeiten – und die Grenzen – von KI im Übersetzungskontext beleuchtet.
Was hast du dabei mitgenommen?
Es war sehr hilfreich, mal unter die Motorhaube der KI schauen zu dürfen. Außerdem hat mir der Kurs ein klares Bild der Risiken vermittelt und der Rolle, die wir Übersetzer dabei spielen, diese Risiken zu managen. Und dieses „Unter-die-Motorhaube-Schauen“ hilft natürlich auch nur begrenzt – selbst die Macher von KI geben zu, dass sie das Biest, das sie auf die Welt loslassen, nicht vollständig verstehen.
Um welche Risiken geht es da konkret?
Was auch immer die Tech-Bros behaupten – KI „versteht“ in Wirklichkeit gar nichts. Was sie tut, ist statistisch vorherzusagen, welches „Token“ (Wort oder Wortteil) als Nächstes wahrscheinlich kommt. Und diesen Drahtseilakt vollführt man nicht ohne Netz. Vor allem, wenn unten Krokodile in Form von rechtlichen und Reputationsrisiken lauern.
Das Risiko wird also an den Übersetzer weitergereicht?
Ja, so war es schon immer – deshalb schließen professionelle Übersetzer eine Berufshaftpflichtversicherung ab. Aber wenn man einer halluzinierenden KI freien Lauf lässt, ohne die Übersetzung sorgfältig prüfen zu lassen, steht man ganz allein da, wenn irgendwas in die Hose geht. Es ist also immer sinnvoll, das Risiko an einen erfahrenen Übersetzer weiterzugeben, der weiß, wie KI „denkt“. Am besten an einen mit einem dicken Rotstift.
Empfiehlst du also, KI mit Unterstützung eines menschlichen Übersetzers einzusetzen?
Na ja, ein Fertiggericht aus der Mikrowelle bleibt ein Fertiggericht aus der Mikrowelle, egal wie viel Petersilie man drüberstreut. Anders gesagt: Egal wie sehr man daran herumfeilt, sind KI-Übersetzungen ein schlechter Ersatz für Texte von erfahrenen Übersetzern mit ausgezeichnetem Sprachgefühl. Aber wenn man den KI-Weg trotzdem gehen will – sei es aus Kostengründen oder aus Angst, irgendwas zu verpassen –, sollte man wenigstens prüfen lassen, ob der Fallschirm richtig sitzt, bevor man aus dem Flugzeug springt.
Was heißt das konkret?
Das heißt, man sollte einen menschlichen Übersetzer draufschauen lassen, damit zumindest die technische Korrektheit gewährleistet ist.
Das ist das, was du mit „Risiko weitergeben“ meinst, oder?
Ja, erfahrene Profis prüfen, ob die Übersetzung stimmt, und können nachfragen, falls irgendwas nicht klar ist. Ich habe schon immer gesagt: Trau keinem Übersetzer, der nie Fragen stellt. Wenn eine Stelle keinen Sinn ergibt oder zweideutig ist, fragen Profis nach. Bei Amateuren wird einfach geraten – und die KI greift irgendetwas aus der Luft. Übersetzer „halluzinieren“ nicht, egal wie viel Kaffee sie intus haben!
Das ist aber ein schwieriges Verkaufsargument bei Firmen, die unter Kostendruck stehen.
Wenn deine Website deine Visitenkarte ist, die jede Menge potenzielle Kunden zu sehen bekommen, lohnt es sich, alle Register zu ziehen. AI slop schreckt mittlerweile viele Kunden ab – und sie werden sich sicherlich auch fragen, wo du sonst noch am falschen Ende sparst. Aber es stimmt auch, dass manche Übersetzungen einfach nur fit for purpose sein müssen.
Was heißt das genau?
Das heißt so viel wie „gerade noch gut genug“. Wenn du ein Video auf LinkedIn postest und dafür ein paar Zeilen Begleittext brauchst, jagst du sie vielleicht durch ChatGPT und hoffst, dass alles stimmt. Und wenn dein Budget sehr knapp ist, entscheidest du dich vielleicht, ein internes Sitzungsprotokoll mit KI zu übersetzen. Auch verständlich, aber lass dann wenigstens einen erfahrenen Übersetzer eine Stunde oder zwei daran arbeiten, damit du am Ende nicht blöd dastehst. Oder dein CEO.
Aber wird KI mit der Zeit nicht automatisch besser?
ChatGPT gibt es ja seit 2022 und KI-generierte Texte und Bilder sind immer noch ziemlich mau. Und wie sollen KI-Übersetzungen eigentlich besser werden? Gibt es etwa riesige Teams professioneller Übersetzer, die für Spottpreise Feedback liefern, damit die nächste KI-Generation sie dann ersetzen kann? Wohl kaum.
Hat sich die maschinelle Übersetzung nicht auch verbessert?
Ich nutze auch keine maschinelle Übersetzung – aus demselben Grund, aus dem ich kein Pressfleisch esse –, aber ich habe mir sagen lassen, dass die Qualität zuletzt deutlich eingebrochen ist. Ich vermute, das liegt daran, dass die Maschinen mit ihrem eigenen zweifelhaften Output gefüttert werden. Und wie jeder Viehzüchter weiß, geht so was selten gut! Jetzt, wo das Internet mit KI-Müll überflutet wird, der wiederum zurück ins System gefüttert wird, sehe ich nicht, wie das besser werden soll. Garbage in, garbage out.
Erwartest du eine Gegenreaktion auf KI?
Die ist längst im Gange. Verbraucher haben die Nase voll davon, dass ihnen KI wie Sauerbier angeboten wird – sie ist die Antwort auf eine Frage, die keiner von ihnen gestellt hat. Man kann mit KI zum Beispiel Podcasts und Romane erstellen. Ganz schön beeindruckend, aber wer will sich bitte einen Podcast ohne richtige Menschen anhören oder eine Geschichte lesen, die nur aus tausenden anderen Romanen zusammengestückelt wurde?
Ich glaube, die meisten Leute haben, so wie ich, einen Stapel Bücher zu Hause liegen, die sehnsüchtig darauf warten, endlich mal gelesen zu werden. Warum sollte ich dann ein Buch lesen, das sich niemand die Mühe gemacht hat zu schreiben?
Und wie sehen das Übersetzungskunden?
Laut Kollegen merken Kunden zunehmend, dass KI-Übersetzungen mehr Ärger machen, als sie wert sind – zumal sie bald auch nicht mehr ganz billig sein werden. Aber vor allem merken sie auch, dass Qualitätsinhalte – geschrieben oder übersetzt mit Stil, Energie und einer erkennbaren Stimme – für die von KI übersättigten Massen eine echte Wohltat sind: A breath of fresh air.
(Fragen von Nicki Wain – englische Version hier)

